Arthur Schopenhauer : Freundschaft und Charakter

Kürzlich las ich: Wir haben online inzwischen so viele Freunde, dass wir ein Wort brauchen für die echten. Nur letztere meine ich, wenn ich hier das anspruchsvolle Wort Freundschaft verwende.

Mir kommt da ein Goethe-Wort in den Sinn: Sage mir, mit wem du umgehest, so sage ich dir, wer du bist. Wenn das für unseren Umgang im allgemeinen zutrifft, so gilt das noch mehr für eine der tiefsten Beziehungen, die – abgesehen von der Liebe – zwischen Menschen möglich ist, nämlich für wahre Freundschaft. Solche Freundschaft zu schließen oder sie zu beenden, ist im Leben ein Glücksfall oder  – falls sie zu Ende geht – ein schmerzlicher Verlust. So hängt das Lebensglück mit davon ab, wen man zum Freund wählt. Arthur Schopenhauer, der selbst nur wenige Freunde hatte, schrieb dazu:

Glänzende Eigenschaften des Geistes erwerben Bewunderung, aber nicht Zuneigung. Diese bleibt den moralischen, den Eigenschaften des Charakters vorbehalten. Zu seinem Freunde wird wohl jeder lieber den Redlichen, den Gutmütigen, ja selbst den Gefälligen, Nachgiebigen … wählen als den bloß Geistreichen… Nur wer selbst viel Geist hat, wird den Geistreichen zu seiner Gesellschaft wünschen. Seine Freundschaft hingegen wird sich nach den moralischen Eigenschaften richten, denn auf diesen beruht seine eigentliche Hochschätzung eines Menschen, in welcher ein einziger guter Charakterzug große Mängel des Verstandes bedeckt und auslischt.
hb

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9 Gedanken zu “Arthur Schopenhauer : Freundschaft und Charakter

  1. Warum fühle ich mich durch diesen Text jetzt gerade so persönlich angesprochen?…
    Vielleicht, weil ich in den letzten Monaten erkannt habe, was wahre Freundschaft ausmacht, wieviel wert eine wahre Freundschaft ist – und wie schwer sie zu zerstören ist.
    Jemand, der einen gern hat, auch wenn man mal nicht ganz so brilliant war, sich dämlich benommen hat und einen nicht im Stich lässt. Und dem man auch dann noch immer ehrliche Zuneigung entgegenbringen kann, wenn er selbst wie ein Trottel gehandelt haben mag.

    So gut (und pauschal) auszudrücken wie Schopenhauer das getan hat, das wäre mir wohl niemals möglich. Aber genau diese Erkenntnis habe ich im März diesen Jahres auch selbst erlangt und auch hier bei blog.de aufgeschrieben, während meiner geistig sehr aktiven Fastenzeit. Faszinierenderweise war es eine kleine, weiße Maus, die mir dieses Wissen brachte… 😉

    Echte, tiefe Freundschaft ist so selten, dass viele Menschen vermutlich noch nicht einmal die Erfahrung gemacht haben werden, wie sie sich überhaupt anfühlt.

    Ich weiß, dass ich einen solchen „Seelenverwandten“ habe – und ich würde ihn nie mehr missen wollen.

    Ein sehr emotionales Thema, das mich ehrlich berührt, weil es für mich auch gerade so absolut aktuell ist.

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    1. Ich kann Dich gut verstehen, denn mich selbst hat das Thema auch beim Schreiben meines Blogeintrags emotional ziemlich berührt.

      Erstaunlich, wie viel Wissen man nicht nur Schopenhauer, sondern mitunter auch einer
      „kleinen, weißen Maus“ zu verdanken hat.

      Wenn Du eine echte, tiefe Freundschaft, einen „Seelenverwandten“ gefunden hast, dann möchte ich Dir dazu hier herzlich gratulieren!

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      1. Zum Seelenverwandten noch kurz: Wenn die Freundschaft 10 Jahre „hartes Leben“ überdauert und sogar „zwischendurch“ eine Ehe aushält ohne zu zerbrechen, wenn man sich statt sich durch die Probleme zu entzweien im Endeffekt noch viel enger zusammenwächst, wenn die Umstände einen auseinandertreiben, aber die wichtigen Gemeinsamkeiten trotzdem immer mehr aufeinander zu streben, dann ist das wohl (hoffentlich) was „für die Ewigkeit“. Auch wenn ich diesen Superlativ eigentlich nicht mag, weil er so inflationär gebraucht wird, obwohl kein Mensch ihn wirklich begreifen kann.

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      2. Wahre Freundschaft ist immer auch Seelenverwandtschaft. Sie ist wohl das, was Du oben so eindrucksvoll beschrieben hast. Wenn zwei Seelen immer enger zusammenwachsen, werden sie dann nicht letztlich eine …?

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