Jainismus – Religion ohne Gewalt

Von Natur, meinte Arthur Schopenhauer, würde nicht das Recht, sondern die Gewalt auf Erden herrschen. Auch heute noch stoßen wir in allen Bereichen des Lebens auf Gewalt. Das gilt mehr oder minder auch für die Religionen, verdanken sie doch selbst ihre weltweite Verbreitung in starken Maße der Gewalt. So zeigt ein Blick in die Geschichte, dass die konfessionelle Verteilung in der Welt, auch in Deutschland,  weitgehend das Ergebnis von Kriegen, das heißt der erfolgreichen Ausübung von Gewalt ist. Eine unerfreuliche und im Sinne politischer Opportunität unerwünschte, aber leider wahre Feststellung. Um so ermutigender ist die Tatsache, dass es Ausnahmen gibt. Eine solche Ausnahme, und zwar in sehr eindrucksvoller Weise, ist eine uralte indische, auch heute noch existierende, durchaus lebendige Religion, nämlich der Jainismus.

Schon vor fast 200 Jahren erwähnte Schopenhauer diese, dem Buddhismus nah verwandte Religion. Jedoch im Gegensatz zum Buddhismus ist die Religion der Jainas bei uns immer noch ziemlich unbekannt. Das ist auch deshalb bedauerlich, weil es sich beim Jainismus nicht nur um eine der ältesten Religionen der Welt handelt, sondern weil es eine Religion ist, die sich – konsequent und so allumfassend wie keine andere – für Gewaltlosigkeit und dementsprechend entschieden für den Vegetarismus einsetzt,  wobei sie von ihren Anhängern sogar die vegetarische Lebensweise fordert.

Die Anfänge des Jainismus liegen im Dunkeln. Einer ihrer ersten historischen Persönlichkeiten war wohl Parshva, der um 800 v. u. Ztr. in Indien  lebte und als einer der „Tirthankaras“ (Furtbereiter, d. h. Gründer) des Jainismus gilt. Sein bis heute bedeutendster Nachfolger war Mahavira, der etwa zur Zeit des Buddha, also um 550 v. u. Ztr.,  in Nordindien wirkte. Somit ist der Jainismus erheblich älter als der Buddhismus. Das erklärt vielleicht auch manche Unterschiede, die trotz vieler Gemeinsamkeiten zwischen Jainismus und Buddhismus bestehen. Es sind wohl diese Gemeinsamkeiten, die Arthur Schopenhauer glauben ließen, dass die Jainas „nur dem Namen nach von den Buddhaisten verschieden sind“.

Gerade in ihrer allumfassenden Ethik sowie ihrer Ablehnung des brahmanischen Tieropfers und Kastenwesens stimmen Jainismus und Buddhismus überein. Hierbei ist die Gewaltlosigkeit, im altindischen Sanskrit AHIMSA genannt, das zentrale ethische Prinzip des Jainismus. Dieses Prinzip gilt im fundamentalen Gegensatz  zu den bei uns herrschenden Religionen gegenüber allen Lebewesen. Die AHIMSA äußert sich noch konsequenter als beim Buddhismus in allen Lebensbereichen der Jainas.  Dementsprechend ist, wie oben bereits erwähnt, bei ihnen die vegetarische Lebensweise eine Selbstverständlichkeit. Aber nicht nur für den Vegetarismus, sondern auch in vielen anderen Bereichen setzen sich Jainas für den Tierschutz ein. So unterstützen sie in Indien seit  jeher Tierkrankenhäuser, worüber sich – was bezeichnend ist – „Westler“ schon vor Jahrhunderten wunderten.

Durch ein solches Tierkrankenhaus wurde ich erstmals auf den Jainismus aufmerksam: Tief beeindruckt las ich 1970 einen Zeitungsbericht über ein Vogelhospital, das die Jainas in Indien unterhalten. Das führte dann dazu, dass ich mich für den Jainismus näher interessierte und dann in Vorträgen, Artikeln usw. über diese einmalige Religion berichtete.  Übrigens kam ich dadurch, welch` ein Zufall (?), zu Schopenhauer, und zwar im Zusammenhang mit meinem Beitrag in „Der Vegetarier“ (Heft 3/1977) über „Vegetarismus und Tierschutz in der Jaina-Religion“. Von diesem Artikel, das sei hier angemerkt, wurde kürzlich ein etwas veränderter Auszug durch die Jain Association International auf der Website vom Vegetarierbund Deutschland veröffentlicht. Vor Erscheinen meines Artikels in der genannten Zeitschrift hatte ich (1976) eine Diskussion mit dem damaligen Redakteur, Professor Brockhaus. Es ging dabei um einige tiefergehende philosophische Fragen, die weit über den Jainismus hinaus von Bedeutung sind. Schließlich fand ich dazu bei Schopenhauer Antworten, die nicht nur mich, sondern – wie mir schien – auch den Professor zufrieden stellten. Nun sind inzwischen 35 Jahre vergangen, doch das Thema “ Jainismus “ und Schopenhauers Philosophie sind seitdem für mich unverändert aktuell geblieben.

Was mich als Tierrechtler besonders am Jainismus fasziniert, ist die Konsequenz, mit der die Jainas ihren Grundsatz der Gewaltlosigkeit ( AHIMSA ) seit mehr als 2500 Jahren auch auf nichtmenschliche Wesen ausdehnen. Eine solche allumfassende Ethik, und zwar nicht nur gepredigt, sondern auch praktiziert, dürfte in der Religionsgeschichte einmalig sein! Voll und ganz kann ich dem zustimmen, was ich in einer Veröffentlichung der Jainas las:
Wenn jemand seinen Körper durch das Fleisch anderer Lebewesen mästet, so ist seine Verehrung der AHIMSA in Wahrheit Scheinheiligkeit.
hb

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Hinweis: Die vollständige Fassung meines o. g. Beitrages “ Vegetarismus und Tierschutz in der Jaina-Religion “ wurde in: „Der Vegetarier“ Nr.3/1977 veröffentlicht.

Arthur Schopenhauer : Seelenwanderung und Wiedergeburt

Seelenwanderung – es ist mehr als nur ein Wort, denn es gibt Antwort auf eine bange Frage, die sich wohl schon jeder einmal gestellt hat: Was wird aus mir nach meinem Tod?  Bin ich dann völlig ausgelöscht, bin ich zu einem Nichts geworden? Arthur Schopenhauer schrieb dazu im 2. Band seines Hauptwerkes „Die Welt als Wille und Vorstellung“, und zwar im berühmten Kapitel „Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich“:

Wir finden nämlich die Lehre von der Metempsychose ( Seelenwanderung ), aus den urältesten und edelsten Zeiten des Menschengeschlechts stammend, stets auf der Erde verbreitet, als den Glauben der großen Majorität des Menschengeschlechts, ja eigentlich als die Lehre aller Religionen, mit Ausnahme der jüdischen und der zwei von dieser ausgegangenen (Christentum, Islam) ; am subtilsten jedoch und der Wahrheit am nächsten kommend, … im Buddhismus.

Die Ausnahmen, auf die Schopenhauer oben hingewiesen hat, nämlich Christentum und Islam, sorgten jedoch mit Feuer und Schwert dafür, dass die Lehre von der Seelenwanderung heute im Westen mehr oder weniger nur von esoterischen Randgruppen vertreten wird. Diese Lehre, zu deren Anhängern auch Pythagoras und Platon gehörten und die auch in der altgermanischen Edda enthalten ist,  wurde von der christlichen Kirche als heidnisch angesehen und dementsprechend verfolgt.  Die Ausrottung der Katharer ist hierfür ein grausames Beispiel.

Da die menschliche Seele nach dem Tod auch in einen tierischen Körper „wandern“ kann, sind schon deshalb Mensch und Tier durch ein über den Tod hinausreichendes Band miteinander verbunden.  Eine praktische Konsequenz aus dieser Lehre war in vielen Fällen der Vegetarismus. So brandmarkte der vorsokratische Philosoph Empedokles:

Wollt ihr nicht endlich ein Halt gebieten dem scheußlichen Morden? Fühlt ihr nicht, dass ihr einander zerfleischt im finstern Wahne? …

Da schlachtet der Vater in arger Verblendung den lieben Sohn, der seine Gestalt gewandelt  hat, und spricht dabei noch ein Gebet! Die Knechte aber zögern, den sie Anflehenden zu opfern. Der aber hört nicht auf sein Wimmern, schlachtet ihn und bereitet so in seinem Hause ein gräßliches Mahl. So ergreift der Sohn den Vater und die Tochter die Mutter, rauben ihnen das Leben und verschlingen das Fleisch der Verwandten! …

Wehe mir, dass mich nicht vorher ein erbarmungsloser Tag sterben ließ, bevor ich den grausamen Gedanken faßte, meine Lippen an gräßlichem Fraße zu weiden! (Zitat aus: „Die Vorsokratiker“, herausgegegn von Wilhelm Capelle)

Der Kirche war dieser Zusammenhang bekannt. Deshalb sahen ihre Inquisitoren im Vegetarismus ein sicheres Anzeichen für Ketzerei. Im Gegensatz zu Indien, wo bis zu seiner gewaltsamen Eroberung durch den Islam weitgehend Glaubensfreiheit herrschte, konnte im Westen  die Kirche durch Androhung und Vollzug grausamer Strafen die Verbreitung der Seelenwanderungslehre und mit ihr die vegetarische Lebensweise verhindern.

Die Lehre von der Seelenwanderung hat jedoch weit über den Vegatarismus hinaus noch einen anderen höchst wichtigen Aspekt, nämlich den – worauf Schopenhauer hinwies –  der ewigen Gerechtigkeit

Der Mythos von der Seelenwanderung, so Arthur Schopenhauer (in „Die Welt als Wille und Vorstellung“ I,  § 63),… lehrt, dass alle Leiden, welche man im Leben über andere Wesen verhängt, in einem folgenden Leben auf eben dieser Welt, genau  durch die selben Leiden wieder abgebüßt werden müssen; welches so weit geht, dass wer nur ein Tier tötet, einst in unendlicher Zeit auch als eben ein solches Tier geboren und den selben Tod erleiden wird.

Der Buddhismus lehrt  zwar wie andere aus Indien stammende Religionen die Seelenwanderung ( Metempsychose ), aber mit einem wichtigen Unterschied, den Schopenhauer klar erkannte und hervorhob: Die Seelenwanderungslehre  ist  relativ leicht verständlich und dem „normalen“ Menschen einfach zu erklären, somit exoterisch. Der Buddhismus enthält jedoch in seinem Kern eine noch tiefere Lehre, die von der Palingenesie.  Sie ist, wie Schopenhauer zu Recht meinte, „viel schwerer fasslich“, ja im Grunde esoterisch. Hierzu Schopenhauer (in „Parerga und Paralipomena“ II , Kap. 10 „Zur Lehre von der Unzerstörbarkeit unsers wahren Wesens  durch den Tod“, § 140)):

Sehr wohl könnte man unterscheiden Metempsychose ( Seelenwanderung ), als Übergang der gesamten sogenannten Seele in einen andern Leib, und Palingenesie, als Zersetzung und Neubildung des Individui, indem allein der  Wille beharrt und, die Gestalt eines neuen Wesens annehmend, einen neuen Intellekt erhält; also das Individuum sich zersetzt wie ein Neutralsalz , dessen Basis sodann mit einer andern Säure sich zu einem neuen Salz verbindet.

Aus (Büchern zum Buddhismus, auf die Schopenhauer hier verwies) …  geht  hervor, dass es im Buddhaismus, in Hinsicht auf die Fortdauer nach dem Tode, eine exoterische und eine esoterische Lehre gibt: erstere ist eben Metempsychose, wie im  Brahmanismus (Hinduismus), letztere aber ist eine viel schwerer fassliche Palingenesie, die in großer Übereinstimmung steht mit meiner Lehre vom metaphysischen Bestande  des Willens …

Da nach Schopenhauer alles in dieser Welt und damit auch alle Lebewesen nur Erscheinungsformen eines metaphysischen Willens sind,  werden die Lebewesen mit ihrem Tod als Erscheinungsformen zersetzt, bleiben aber in ihrem „wahren Wesen“, das im „Willen“ besteht, unzerstört, denn dieser „Wille“ manifestiert sich erneut, d. h., er bewirkt die Neuentstehung.

Diese Aussagen Schopenhauers finden sich in ihrem Kerngehalt nicht nur im Buddhismus, sondern auch in den von Schopenhauer hochgepriesenen altindischen Upanishaden, und zwar in der esoterischen Lehre vom Karma.  Das durch moralisch gute oder schlechteTaten eines Wesens angesammelte Karma bestimmt das Schicksal dieses Wesens und führt zwangsläufig zu dessen Wiedergeburt. Es ist in gewisser Hinsicht wohl mit dem zu vergleichen, was Schopenhauer „Wille“ nennt. Ausdruck dieses metaphysischen Willens ist der Wille zum Leben – ihm ist das Leben gewiss! In diesem Sinne, so  ist sich Arthur Schopenhauer sicher, kann der Tod lediglich unsere äußere Erscheinungsform, nicht aber unser „wahres Wesen“ zerstören.
hb

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