Schopenhauer : Getrübter Geist

        Die Lebenserfahrung zeigt: Starke Gefühle wie Liebe und Hass trüben den Geist, vermindern das Urteilsvermögen und führen so zu falschen, ja mitunter sogar zu ungerechten Urteilen. Zu diesem für alle Lebensbereiche äußerst wichtigen Thema schrieb Arthur Schopenhauer:

        “ Liebe und Haß verfälschen unser Urtheil gänzlich: an unsern Feinden sehen wir nichts, als Fehler, an unsern Lieblingen lauter Vorzüge, und selbst ihre Fehler scheinen uns liebenswürdig. Eine ähnliche geheime Macht übt unser Vortheil, welcher Art er auch sei, über unser Urtheil aus: was ihm gemäß ist, erscheint uns alsbald billig, gerecht, vernünftig; was ihm zuwider läuft, stellt sich uns, im vollen Ernst, als ungerecht und abscheulich, oder zweckwidrig und absurd dar. Daher so viele Vorurtheile des Standes, des Gewerbes, der Nation, der Sekte, der Religion. Eine gefaßte Hypothese giebt uns Luchsaugen für alles sie Bestätigende, und macht uns blind für alles ihr Wider-sprechende. Was unserer Partei, unserm Plane, unserm Wunsche, unserer Hoffnung entgegensteht, können wir oft gar nicht fassen und begreifen, während es allen Andern klar vorliegt: das jenen Günstige hingegen springt uns von ferne in die Augen. Was dem Herzen widerstrebt, läßt der Kopf nicht ein. Manche Irrthümer halten wir unser Leben hindurch fest, und hüten uns, jemals ihren Grund zu prüfen, bloß aus einer uns selber unbewußten Furcht, die Entdeckung machen zu können, daß wir so lange und so oft das Falsche geglaubt und behauptet haben. – So wird denn täglich unser Intellekt durch die Gaukeleien der Neigung bethört und bestochen.“
(Aus: Arthur Schopenhauer , Die Welt als Wille und Vorstellung II, Kap. 19)

       Daher ist es eine Illusion anzunehmen,  Anschauung und Logik würden stets ausreichen, um Menschen von falschen Meinungen abzubringen. Das gilt besonders für einen von Liebe oder Haß, von tief verwurzelten Vorurteilen getrübten Geist, denn dieser ist  für alle ihm entgegenstehenden Argumente, mögen sie noch so vernüftig sein, kaum zugänglich. Der Mensch ist eben nicht bloß ein rationales Wesen – er hat auch ein Herz, und was dem Herzem widerspricht, lässt der Kopf nicht ein.

H.B.

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Lebensorientierung und Trost im Alter

   Es ist eine oft bestätigte Tatsache: Arthur Schopenhauers Philosophie mit ihren Aphorismen zur Lebensweisheit bietet Lebensorientierung und Trost, und zwar gerade auch in schwierigen Lebensphasen – wie etwa im Alter. Zu den Lebensabschnitten, die sich deutlich voneinander unterscheiden, meinte Schopenhauer in  seinen Aphorismen:

    Die ersten vierzig Jahre unsers Lebens liefern den Text, die folgenden dreißig den Kommentar dazu.

    Ein solcher „Kommentar“ sind wohl die Lebenserinnerungen des „Schopenhauerianers“ Arthur Hübscher. Er war nicht nur viele Jahre Präsident der Schopenhauer-Gesellschaft sowie Autor zahlreicher Schriften über Schopenhauer und dessen Philosophie, sondern mehr noch: er lebte, wie es in seinen Memoiren heißt,  „mit und für Schopenhauer“.

  Besonders bemerkenswert ist auch, dass Hübscher seine Lebenserinnerungen, die er unter dem Titel erlebt – gedacht – vollbracht. Erinnerungen an ein Jahrhundert veröffentlichte, erst in seinem 87. Lebensjahr beendete. Daher konnte er auf  eine sehr lange Lebensspanne zurückblicken und gegen Ende seines Lebens (er starb im 89. Lebensjahr) auf Grund seiner langjährigen Erfahrungen im letzten Kapitel seines Buches über Schopenhauer schreiben:

    Ich habe auf meiner Lebensreise viele Menschen und viel unnützes Gepäck zurückgelassen. Schopenhauer habe ich mitgenommen, – er hat mich nie im Stich gelassen. Er wird auch da sein, wenn es an der Zeit ist, abzutreten.

    Eines der letzten Kapitel des Buches hat die Überschrift Einübung auf das Alter. Dort berichtete Hübscher über die Ergebnisse seiner Erfahrungen und Einsichten, die er im Laufe seines langen ereignisreichen Lebens gesammelt hatte:

      „Ich möchte, was Erfahrung und Beispiele mich über die Einübung ins Alter gelehrt haben, in ein paar Sätze zusammenfassen, die man beifällig aufnehmen mag, auch wenn man sie in Wirklichkeit außer Acht zu lassen gedenkt:

     Das Unabänderliche willig hinnehmen. Sich der Vorteile bewußt werden, die auch physische Behinderungen mit sich bringen: Schwerhörigkeit schützt uns vor lästigem Lärm, zunehmende Vergeßlichkeit räumt manchen Schutt zerstörter Illusionen fort.

     Im Alltäglichen noch das Besondere finden, die einfachsten Handlungen, einen Spaziergang, ein Gespräch, eine stille Stunde im Garten in innerer Teilnahme erhöhen, und immer wieder im einzelnen Ereignis die philosophische Verwunderung über die Welt und unser eigenes Dasein erleben.

     Nicht dem Vergangenen nachtrauern, nichts Verlorenes zurückholen wollen, nichts Hinschwindendes gewaltsam aufhalten, aber fördern und nutzen, was sich immer noch bietet oder neu eröffnet und sich unserm Sinne fügt.

     Die reizvolle Vielheit der Horizonte und Aufgaben sorglich eingrenzen, die Kräfte sammeln und sich immer klarer werden über unser Selbst, in der Beschränkung, die den Meister macht.

     Aber immer auch in der Vorbereitung auf etwas Kommendes, Erwünschtes,
Erstrebtes, zu Verwirklichendes leben, und immer noch den Blick über sich hinaus erheben, in Höhen, die uns kaum jemals erreichbar sind und von denen doch der Trost herabkommt …“

    Inwieweit  diese auf Erfahrungen und Einsichten gegründete „Einübung auf das Alter“  ernst genommen wird, hängt wohl auch vom jeweiligen Lebensalter ab, denn – wie Arthur Schopenhauer in seinen Aphorismen schrieb – mit dem Älterwerden ändert sich die Perspektive:

      Die Heiterkeit und der Lebensmuth unserer Jugend beruht zum Theil darauf, daß wir, bergauf gehend, den Tod nicht sehen; weil er am Fuße der andern Seite des Berges liegt. Haben wir aber den Gipfel überschritten, dann werden wir den Tod, welchen wir bis dahin nur vom Hörensagen kannten, ansichtig.

    Ob jung oder alt, ganz ohne Lebensmut ist das Leben kaum zu meistern. Jedoch hat der Gedanke an den Tod, der sich gerade im  Alter aufdrängt, auch seinen Wert, weil er uns mahnt, die noch verbleibende kostbare Zeit des Lebens möglichst sinnvoll zu nutzen.

    Besonders im fortgeschrittenen Alter wird die Nähe des Todes immer deutlicher empfunden. Das kann mitunter für manche Menschen ziemlich bedrückend sein. Schopenhauer äußerte sich dazu in seinem berühmten Kapitel Zur Unzerstörbarkeit unsers wahren Wesens durch den Tod mit Worten, die nicht beschönigen, aber dennoch Hoffnung und Trost enthalten:

    Für uns ist und bleibt der Tod ein Negatives, – das Aufhören des Lebens; allein er muß auch eine positive Seite haben, die jedoch uns nur verdeckt bleibt, weil unser Intellekt durchaus unfähig ist, sie zu fassen. Daher erkennen wir wohl, was wir durch den Tod verlieren, aber nicht, was wir durch ihn gewinnen.

     Übrigens, der Verfasser dieses Beitrages ist im 80. Lebensjahr.

H.B.

S. auch Blogbeitrag Arthur Schopenhauer : Tod und Trost > hier .

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

 

Lob der Melancholie

Der Melancholikus sieht das Leben als eine Trauerspielszene an, schrieb Arthur Schopenhauer in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit.(1) Dementsprechend ist auch die Lebenseinstellung des zur Melancholie, also des zur Schwermut neigenden Menschen. Ihm ist es nur sehr begrenzt möglich, sich über glückliche Begebenheiten und Umstände, wozu nicht zuletzt auch die Gesundheit gehört, wirklich freuen zu können.  In seinen Aphorismen bemerkte dazu  Schopenhauer:

„So viel nun aber auch zu der für unser Glück so wesentlichen Heiterkeit die Gesundheit  beiträgt, so hängt jene doch nicht von dieser allein ab: denn auch bei vollkommener Gesundheit kann ein melancholisches Temperament und eine vorherrschend trübe Stimmung bestehn. Der letzte Grund davon liegt ohne Zweifel in der ursprünglichen und daher unabänderlichen Beschaffenheit des Organismus […] Abnormes Übergewicht der Sensibilität wird […] vorwaltende Melancholie herbeiführen.“(2)

Schopenhauer hatte hiermit auf einen Zusammenhang hingewiesen, der durch viele Beispiele  bestätigt wird: Es sind vor allem die  sensiblen Menschen, die unter Melancholie leiden. Das gilt nach Meinung Schopenhauers besonders für das Genie, das „durch ein Übermaß der Nervenkraft, also der Sensibilität, bedingt ist; so hat Aristoteles ganz richtig bemerkt, daß alle ausgezeichnete und überlegene Menschen melancholisch seien: Alle Menschen, die sich ausgezeichnet haben – in der Philosophie, der Politik,  der Dichtkunst oder in den bildenden Künsten – scheinen Melancholiker zu sein.“(3)

Dieser Tradition  folgend,   wurde im 18. Jahrhundert sogar die Auffassung vertreten, die Melancholie sei „die Mutter des Genies“.(4)  So schrieb der von Schopenhauer hoch verehrte Goethe in seinem Spruchgedicht:

Meine Dichterglut war sehr gering,
Solang ich dem Guten entgegen ging;
Dagegen brannte sie lichterloh,
Wenn ich vor drohendem Übel floh.

Zart Gedicht, wie Regenbogen,
Wird auf dunklen Grund gezogen;
Darum behagt dem Dichtergenie
Das Element der Melancholie. (5)

In diesem Sinne ist Melancholie positiv zu werten, wobei sie, wie Schopenhauer hervorhob, von Verdrießlichkeit und Hypochondrie (z. B. Einbildung von Krankheiten) unterschieden werden muss:

„Verdrießlichkeit und Melancholie liegen weit auseinander: von der Lustigkeit zur Melancholie ist der Weg viel näher als von der Verdrießlichkeit.

Melancholie zieht an; Verdrießlichkeit stößt ab.

Hypochondrie quält nicht nur mit Verdruß und Ärger ohne Anlaß über gegenwärtige Dinge; nicht nur mit grundloser Angst vor künstlich ausstudierten Unglücksfällen der Zukunft; sondern auch noch mit unverdienten Vorwürfen über unsere eigenen Handlungen in der Vergangenheit.

Die unmittelbarste Wirkung der Hypochondrie ist ein beständiges Suchen und Grübeln, worüber wohl man sich zu ärgern oder zu ängstigen hätte. Die Ursache ist ein innerer krankhafter Unmut, dazu oft eine aus dem Temperament hervorgehende innere Unruhe: wenn beide den höchsten Grad erreichen, führen sie zum Selbstmord.“(6)

Übrigens, Schopenhauer wusste aus eigener Erfahrung, worüber er hier voller Verständnis schrieb, denn er war wohl selbst – wahrscheinlich als Erbe seines Vaters – ein „Melancholikus“. Jedoch gerade diese Veranlagung zur Melancholie ermöglichte es Arthur Schopenhauer zum Schöpfer einer einzigartigen, genialen Philosophie zu werden, die, wie oftmals bezeugt, viel Trost zu bieten vermag, ja in ihr ist – nach den Worten Thomas Manns – „ein Gefühlskern, ein Wahrheitserlebnis … so annehmbar, so hieb- und stichfest, so richtig, wie ich es sonst in der Philosophie nicht gefunden habe.“ (7)

H.B.

Weiteres  zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > dort.

Quellen:
(1) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden,
Band VIII, Aphorismen zur Lebensweisheit, Zürich 1977, S. 346.
(2) Ebd., S. 356 f.
(3) Ebd.
(4)  Komm, heilige Melancholie .
Eine Anthologie deutscher Melancholie-Gedichte,
Hrsg. v. Ludwig Völker, Suttgart 1983, S. 24.
(5) Ebd., S. 49.
(6) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band X,
Parerga und Paralipomena II, S. 641.
(7) Über Arthur Schopenhauer . Hrsg. v. Gerd Haffmans,
3. Aufl., Zürich 1981, S. 112.

Arthur Schopenhauer : Buddhismus

Sollte ich die Resultate meiner Philosophie, schrieb Arthur Schopenhauer, zum Maaßstabe der Wahrheit nehmen, so müßte ich dem Buddhaismus den Vorzug vor den andern zugestehn.(1)

Wie nah Schopenhauer seine Philosophie zum Buddhismus sah, geht aus seinem Brief  vom 27. Februar 1856 an einen seiner Anhänger, Adam von Doss, hervor, in welchem er unter Hinweis auf übereinstimmende zentrale Aussagen seiner und der buddhistischen Lehre betonte: Überhaupt ist die Übereinstimmung mit meiner Lehre wundervoll, zumal ich 1814-1818 den ersten Band  [von „Die Welt als Wille und Vorstellung“] schrieb und von dem allen [d. h. vom Buddhismus] noch nichts wußte, noch wissen konnte.(2)

Wenn Schopenhauer mit obigen Worten auf die „wundervolle“ Übereinstimmung seiner Philosophie mit dem Buddhismus hinwies, so gilt das besonders für die Ethik. Schopenhauers Mitleidsethik entspricht weitgehend der buddhistischen Ethik, und zwar auch im Hinblick darauf, dass in ihr die Tiere voll einbezogen sind. Dazu heißt es in einem vom Buddhistischen Seminar Hamburg herausgegebenen Buch über das Leben des Buddha:

„Wie ist also die Haltung des Buddha zu den Tieren? Am kürzesten umrissen ist sie mit dem Wortlaut der vom Erwachten [dem Buddha] gegebenen Tugendregel:

Ohne Stock, ohne Schwert, fühlsam, voll Teilnahme
hegt er zu allen lebenden Wesen Liebe und Mitleid.

Der westliche Mensch wird in der Regel in der Auffassung erzogen, er sei von Gott als Krone der Schöpfung erschaffen worden, ihm sei die Welt gegeben, Tiere, Wald und Feld stünden zu seiner Verfügung, er könne damit schalten und walten, wie er es für gut und richtig halte. So sagt Martin Luther: Alle Meere und Wasser sind unsere Trinkkeller; alle Wälder und Hölzer sind unsere Jägerei … Denn es ist alles um unser, der Menschen willen geschaffen. (Tischgespräche)“ (3)

Schopenhauer hatte diese im Vergleich zum Buddhismus fundamental andere Einstellung des Christentums zu den Tieren mit deutlichen Worten kritisiert und sie als Grundfehler des Christentums bezeichnet:

Ein […] nicht weg zu erklärender und seine heillosen Folgen täglich manifestierender Grundfehler des Christentums ist, daß es widernatürlicherweise den Menschen losgerissen hat von der Tierwelt, welcher er doch wesentlich angehört, und ihn nun ganz allein gelten lassen will, die Tiere geradezu als Sachen betrachtend; – während Brahmanismus [Hinduismus] und Buddhismus, der Wahrheit getreu, die augenscheinliche Verwandtschaft des Menschen, wie im Allgemeinen mit der ganzen Natur, so zunächst und zumeist mit der tierischen, entschieden anerkennen.(4)

Wie wichtig für Schopenhauer die tierfreundliche Einstellung des Buddhismus war, lässt sich schon daran erkennen, dass er die zu seiner Zeit gerade beginnende Gründung von Tierschutzvereinen in Deutschland  förderte, wobei er zu den ersten Mitgliedern des Frankfurter Tierschutzvereins gehörte.(5)

Aber nicht nur die Tierliebe, sondern überhaupt der Buddha und seine Lehre fanden Schopenhauers höchste Wertschätzung. So sagte er in einem Gespräch:  Wenn man den Buddhaismus aus seinen Quellen studiert, da wird einem hell im Kopfe. (6)

Dementspechend bezog sich Schopenhauer in seinen Schriften oft auf den Buddhismus. Dadurch trug er wesentlich dazu bei, dass der Buddhismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Europa nicht nur bekannt wurde, sondern auch zunehmend Anhänger fand. Ein hervorragendes Beispiel hierfür war Georg Grimm, der Gründer der Altbuddhistischen Gemeinde. Grimm, zunächst katholischer Priesterzögling, kam vom Christentum über Schopenhauer zum Buddhismus. Er wurde in Wort und Tat zu einem der bedeutendsten Verkünder der Lehre des Buddha in Deutschland. In seinem Hauptwerk Die Lehre des Buddho wies er zwar auf die – seiner Meinung nach – bestehenden Unterschiede zwischen der Philosophie Schopenhauers und dem Buddhismus hin, betonte aber zugleich auch die „staunenswerte Übereinstimmung zwischen den beiden Großen“, also zwischen Schopenhauer und dem Buddha.(7)

Je mehr Schopenhauer über den Buddhismus erfuhr, desto entschiedener wandte er sich  ihm zu. Schließlich nannte Schopenhauer sich und seine Anhänger in Briefen und Gesprächen sogar Buddhisten. So äußerte er sich zum Beispiel in zwei Briefen, in denen es um den Hofrat Ignaz Perner, „den berühmten Vorsteher aller Tierschutz-Gesellschaften“ ging. Er sei, wie Schopenhauer meinte, ein um den Tierschutz „höchst verdienter und verehrenswerter Mann: Wer könnte das höher schätzen als wir Buddhaisten!“(8) Auch in einem anderen Brief zeigte Schopenhauer seine besondere Zuneigung zum Buddhismus, denn dort bezeichnete er ihn als unsere allerheiligste Religion und den Buddha als den Siegreich-Vollendeten. (9)

Äußeres Zeichen von Arthur Schopenhauers Verehrung des Buddha und seiner tiefen Verbundenheit mit dem Buddhismus wurde eine Statue, die er wenige Jahre vor seinem Tode in seiner Wohnung aufstellte, und  über die er schrieb: Der Buddha […] steht auf einer schönen Konsole in der Ecke: so daß jeder beim Eintritt schon sieht, wer hier in diesen „heiligen Hallen“ herrscht.(10)

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H.B.

Weiteres zu > Schopenhauer und seiner Philosophie sowie zum > Buddhismus.

Die Vier Edlen Wahrheiten des Buddha

Anmerkungen
(1) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden,
Band III, Die Welt als Wille und Vorstellung II (Kap.17), Zürich 1977, S. 197.
(2) Arthur Schopenhauer , Gesammelte Briefe, hrsg. v. Arthur Hübscher,
2. Aufl., Bonn 1987, S. 384.
(3) Hellmuth Hecker, Das Leben des Buddha, Hamburg 1973, S. 393.
(4) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band X, Parerga und Paralipomena II
(Kap. 15, § 177 Ueber das Christenthum), S. 408.
(5) S. dazu Arthur Schopenhauer : Tierschutz und Tierschutzvereine > hier.
(6) Arthur Schopenhauer , Gespräche, neue stark erw. Ausg.,
hrsg. v. Arthur Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt 1971, S. 104.
(7) Vgl. > Georg Grimm – ein Lebensweg vom Christentum über Schopenhauer zum Buddhismus (dort Quellenangabe in Anm. 8).
(8) Brief v. 16. Sept. 1850 an J. Frauenstädt und v. 10. Mai 1852 an A. von Doss, in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 247 und 281.
(9) Brief v. 2. Jan. 1852 an J. Frauenstädt,
in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 273.
(10) Brief v. 13. Mai 1856 an J. Frauenstädt,
in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 391.

Schopenhauer : Wahre Philosophie

Philosophie , schrieb Arthur Schopenhauer , ist eine Erkenntniß vom eigentlichen Wesen dieser Welt, in der wir sind und die in uns ist; eine Erkenntniß davon im Ganzen und Allgemeinen, deren Licht, wenn sie gefaßt ist, nachher auch alles Einzelne, das Jedem im Leben vorkommen mag, beleuchtet und ihm dessen innere Bedeutung aufschließt.(1)

Schon aus diesem Zitat wird deutlich, dass Schopenhauers Philosophie vor allem eine Lebensphilosophie ist. Dementsprechend war für Schopenhauer die Philosophie mehr als eine Wissenschaft, die nur aus bloßen Begriffen besteht.  Sie müsse, so meinte  Schopenhauer, von der anschaulichen Erkenntnis ausgehen, weil diese sei die wirkliche und unerschöpfliche Quelle aller Einsicht. Daher läßt eine wahre Philosophie sich nicht herausspinnen aus bloßen, abstrakten Begriffen; sondern muß gegründet seyn auf Beobachtung und Erfahrung, sowohl innere, als äußere. Auch nicht durch Kombinationsversuche mit Begriffen, […] wird je etwas Rechtes in der Philosophie geleistet werden. Sie muß, so gut wie Kunst und Poesie, ihre Quelle in der anschaulichen Auffassung der Welt haben: auch darf es dabei, so sehr auch der Kopf oben zu bleiben hat, doch nicht so kaltblütig hergehn, daß nicht am Ende der ganze Mensch, mit Herz und Kopf, zur Aktion käme und durch und durch erschüttert würde. Philosophie ist kein Algebra-Exempel.(2)

Seine obige, sehr ansprechende Beschreibung dessen, was Philosophie sei, ergänzte Schopenhauer durch ein Zitat des französischen Philosophen Vauvenargues, das in deutscher Übersetzung lautet: Die großen Gedanken kommen aus dem Herzen.

Deshalb könnte man wohl mit Arthur Schopenhauer sagen:

Wahre Philosophie kommt aus dem Herzen!

In einem Gespräch mit dem französischen Philosophen Frédéric Morin äußerte sich Schopenhauer 1858, also gegen Ende seines Lebens, was weder wahre noch unwahre, sondern überhaupt keine Philosophie sei:

Eine Philosophie, in der man zwischen den Seiten nicht die Tränen, das Heulen und Zähneklappern und das furchtbare Getöse des gegenseitigen allgemeinen Mordes hört, ist keine Philosophie.(3)

Ja, an Tränen und Heulen über das  Furchtbare in dieser Welt kommt keine Philosophie vorbei, wenn sie wahr ist und somit aus dem Herzen kommt.

H.B.

Zitatquellen:
(1) Arthur Schopenhauer´s Nachlaß. Hrsg. von Eduard Grisebach, 2. Band: Vorlesungen und Abhandlungen. 3. Abdruck, Leipzig o. J. , S. 10.
(2) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Band IX: Parerga und Paralipomena II ( Kap. 1, § 9), Zürich 1977, S. 15.
(3) Zit. n. Rüdiger Safranski, Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie, Reinbek bei Hamburg 1990, S. 453.

Weitere > Schopenhauer-Zitate zum Begriff Philosophie.

Arthur  Schopenhauers Philosophie > Überblick

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Arthur Schopenhauer : Unterschrift

 

Schopenhauer : Lebensweisheit

        Genieße die von Schmerzen freie Stunde – ist eine von Arthur Schopenhauers Lebensweisheiten. Sie gilt besonders für jene Menschen, die weit mehr an die Vergangenheit als an die Gegenwart denken oder sich  allzu sehr um die Zukunft sorgen, indem sie sich übermäßig vor dem ängstigen, was alles kommen könnte, aber nicht unbedingt kommen muss:

“ Ein wichtiger Punkt der Lebensweisheit besteht in dem richtigen Verhältnis, in welchem wir unsere Aufmerksamkeit teils der Gegenwart, teils der Zukunft widmen, damit nicht die eine uns die andere verderbe. Viele leben zu sehr in der Gegenwart: die Leichtsinnigen; –  Andere zu sehr in der Zukunft: die Ängstlichen und Besorglichen. Selten wird einer genau das rechte Maß halten. Die, welche, mittelst Streben und Hoffen, nur in der Zukunft leben, immer vorwärts sehen und mit Ungeduld den kommenden Dingen entgegeneilen, als welche allererst das wahre Glück bringen sollen, inzwischen aber die Gegenwart unbeachtet und ungenossen vorbeiziehen lassen, sind, trotz ihrer altklugen Mienen, jenen Eseln in Italien zu vergleichen, deren Schritt dadurch beschleunigt wird, daß an einem, ihrem Kopf angehefteten Stock ein Bündel Heu hängt, welches sie daher stets dicht vor sich sehen und zu erreichen hoffen. Denn sie betrügen sich selbst um ihr ganzes Dasein, indem sie stets nur ad interim [vorläufig] leben, – bis sie tot sind.

        – Statt also mit den Plänen und Sorgen für die Zukunft ausschließlich und immerdar beschäftigt zu sein, oder aber uns die Sehnsucht nach der Vergangenheit hinzugeben, sollten wir nie vergessen, daß die Gegenwart allein real und allein gewiß ist; hingegen die Zukunft fast immer anders ausfällt, als wir sie denken; ja, auch die Vergangenheit anders war; und zwar so, daß es mit beiden, im ganzen, weniger auf sich hat, als es uns scheint. Denn die Ferne, welche dem Auge die Gegenstände verkleinert, vergrößert sie den Gedanken.

        Die Gegenwart allein ist wahr und wirklich: sie ist die real erfüllte Zeit, und ausschließlich in ihr liegt unser Dasein. Daher sollten wir sie stets einer heitern Aufnahme würdigen, folglich jede erträgliche und von unmittelbaren Widerwärtigkeiten oder Schmerzen freie Stunde mit Bewußtsein als solche genießen, d. h. sie nicht trüben durch verdrießliche Gesichter über verfehlte Hoffnungen in der Vergangenheit, oder Besorgnisse für die Zukunft. Denn es ist durchaus töricht, eine gute gegenwärtige Stunde von sich zu stoßen, oder sie sich mutwillig zu verderben, aus Verdruß über das Vergangene, oder Besorgnis wegen des Kommenden. Der Sorge, ja, selbst der Reue, sei ihre bestimmte Zeit gewidmet: danach aber soll man […] diese allein reale Zeit sich so angenehm wie möglich machen.“
(Aus: Arthur Schopenhauer , Aphorismen zur Lebensweisheit , Kap. V., B., 5)

H.B.

Zur Bedeutung der Aphorismen im Gesamtwerk Arthur Schopenhauers > hier

Weiteres >  Arthur-Schopenhauer-Studienkreis


Trotz Tod alle beisammen

Wohl jeder hat es schon erleben müssen, was der Tod eines geliebten Wesens, sei es Mensch oder Tier, bedeuten kann. Arthur Schopenhauer hat dazu  bewegende Worte gefunden:

“ Der tiefe Schmerz, beim Tode jedes befreundeten Wesens, entsteht aus dem Gefühle, daß in jedem Individuo etwas Unaussprechliches, ihm allein Eigenes und daher durchaus Unwiederbringliches liegt. Omne individuum ineffabile. [ Jedes Einzelwesen ist unergründlich. ] Dieses gilt selbst vom thierischen Individuo, wo es am lebhaftesten Der empfinden wird, welcher zufällig ein geliebtes Thier tödtlich verletzt hat und nun seinen Scheideblick empfängt, welches einen herzzerreißenden Schmerz verursacht.“(1)

Durchaus berechtigt ist Schopenhauers Frage; „Wie kann man nur, beim Anblick des Todes eines Menschen oder eines Thieres, vermeinen, hier werde ein Ding an sich (das Metaphysische im Menschen und im Tier] selbst zu nichts?“ (2).

Wie Schopenhauer in seiner Philosophie spirituell sehr tief begründete, ist alles Leben durch das, was er Wille nannte,  metaphysisch miteinander verbunden – eine Einheit, die auch durch den Tod nicht zerstört wird: “ Demnach können wir jeden Augenblick wohlgemuth ausrufen:  Trotz Zeit, Tod und Verwesung sind wir noch Alle beisammen.“(3)

Zitatquellen:
(1) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Zürich 1977, Band X, S. 636.
(2) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band IX, S. 294.
(3) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band IV, S. 562.
H.B.

Weiteres zu Schopenhauer und seiner Philosophie > dort.