Leben und Tod

Arthur Schopenhauer beschrieb das Leben wie es ist, mit seinen Höhen und Tiefen. Aber auch mit seinen Gedanken über das Ende des Lebens, den Tod,  zeigt sich Schopenhauer als wahrer Lebensphilosoph, wobei er für das uns alle „todsichere“ Ereignis durchaus trostvolle Worte fand:

„… Wie bekanntlich unser Gehen nur ein stets gehemmts Fallen ist, [so ist ] das Leben unsers Leibes nur ein fortdauernd gehemmtes Sterben, ein immer aufgeschobener Tod  … Jeder Atemzug wehrt den beständig eindringenden Tod ab, mit welchem wir auf diese Weise in jeder Sekunde kämpfen … Zuletzt muß er siegen: denn ihm sind wir schon durch die Geburt anheimgefallen, und er spielt nur eine Weile mit seiner Beute, bevor er sie verschlingt.

Wir setzen indessen unser Leben mit großem Anteil und vieler Sorgfalt fort, solange als möglich, wie man eine Seifenblase so lange und so groß als möglich aufbläst, wiewohl mit der festen Gewißheit, daß sie platzen wird …

Das Leben der allermeisten ist auch nur ein steter Kampf um die Existenz selbst, mit der Gewißheit ihn zuletzt zu verlieren. Was sie aber in diesem so mühseligen Kampfe ausdauern läßt, ist nicht sowohl die Liebe zum Leben als die Furcht vor dem Tode, der jedoch unausweichbar im Hintergrunde steht und jeden Augenblick herantreten kann. –

Das Leben selbst ist ein Meer voller Klippen und Strudel, die der Mensch mit der größten Behutsamkeit und Sorgfalt vermeidet, obwohl er weiß, daß, wenn es ihm auch gelingt, mit aller Anstrengung und Kunst sich durchzuwinden, er eben dadurch mit jedem Schritt dem größten, dem totalen, dem unvermeidlichen und unheilbaren Schiffbruch näher kommt, ja gerade auf ihn zusteuert, – dem Tode, dieser ist das endliche Ziel der mühseligen Fahrt und für ihn schlimmer als alle Klippen, denen er auswich.“ (1)

Für das, was Arthur Schopenhauer hier mit hoher Sprachkunst beschrieb, fand er auch eindrucksvolle Worte der Hoffnung, die über den Tod hinausweisen:

„Für uns ist und bleibt der Tod ein Negatives – das Aufhören des Lebens, allein er muß auch eine positive Seite haben, die jedoch uns verdeckt bleibt, weil unser Intellekt durchaus unfähig ist, sie zu fassen. Daher erkennen wir wohl, was wir durch den Tod verlieren, aber nicht, was wir durch ihn gewinnen …

Wir schaudern vor dem Tode vielleicht hauptsächlich, weil er dasteht als die Finsternis, aus der wir einst hervorgetreten und in die wir nun zurück sollen. Aber ich glaube, daß wenn der Tod unsere Augen schließt, wir in einem Licht stehn, von welchem das Sonnenlicht nur der Schatten ist …

Klopfte man an die Gräber und fragte die Toten, ob sie wieder aufstehn wollten; sie würden mit den Köpfen schütteln.“ (2)

Memento mori = Bedenke, dass du sterblich bist – diese Mahnung aus dem mittelalterlichen Mönchslatein, wäre wohl auch als Überschrift dieses Beitrages angebracht gewesen, denn, so meinte Schopenhauer, „ohne Zweifel ist es das Wissen um den Tod, und neben diesem die Betrachtung des Leides und der Noth des Lebens, was den stärksten Anstoß zum philosophischen Besinnen und zu metaphysischen Auslegungen der Welt giebt“. (3)

Thomas Mann nannte Arthur Schopenhauer einen „großen Kenner und Künstler des Todes“ und fügte hinzu “ … zu dem Schönsten, man möchte sagen Tiefsten (aber sein Werk ist überall gleich tief), was er geschrieben hat, gehört das große Kapitel im zweiten Bande der Welt als Wille und Vorstellung : Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich. … ´Wer sich für das Leben interessiert`, habe ich [ Thomas Mann ] im Zauberberg gesagt, ´der interessiert sich namentlich für den Tod.` Das ist die Spur Schopenhauers, tief eingedrückt, haltbar für das ganze Leben.“ (4)

H.B.

S. auch > Trotz Tod alle beisammen

> Unsterbliche Seele in Mensch und Tier ?

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

 

Anmerkungen
(1) Aus: Arthur Schopenhauer , Welt und Mensch. Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk von Arthur Hübscher,  Stuttgart 1960, S. 166 ff.
(2) Ebd., S. 195 und 197.
(3) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band III: Die Welt als Wille und Vorstellung II, Kap. 17: Ueber das metaphysische Bedürfniß des Menschen, S. 187.
(4) Thomas Mann , Schopenhauer, zit. aus: Über Arthur Schopenhauer , hrsg. von Gerd Haffmans, 3. Aufl., Zürich 1981, S. 113.

 

 

 

 

Wer Gedanken mitzuteilen hat …

Ein Autor, so warnte Arthur Schopenhauer, sollte sich vor nichts mehr hüten, als vor dem sichtbaren Bestreben, mehr Geist zeigen zu wollen, als er hat. *

„Jeder wirkliche Denker“ zu denen Schopenhauer, wie er oft hervorhob, nicht unbedingt die Universitätsphilosophen zählte – sei „bemüht, seine Gedanken so rein, deutlich, sicher und kurz, wie nur möglich, auszusprechen. Demgemäß ist Simplicität stets ein Merkmal , nicht allein der Wahrheit, sondern auch des Genies gewesen. Der Stil erhält die Schönheit vom Gedanken; statt daß, bei jenen Scheindenkern, die Gedanken durch den Stil schön werden solle …“ *

Heraus folgte für Schopenhauer, dass jede gute Schriftstellerei gleich am Anfang „die erste, ja für sich allein beinahe ausreichende Regel des guten Stils“ beachten müsse, nämlich „die, daß man etwas zu sagen habe“ . Jedoch nicht immer wird dieses für alle Schriftstellerei selbstverständliche Gebot eingehalten. So zum Beispiel gäbe es, wie Schopenhauer sie nannte,  „Pseudophilosophen“, die, obwohl sie eigentlich nichts zu sagen haben, dennoch versuchen, mit vielen Worten auf sich aufmerkam zu machen. Schopenhauer dachte dabei wohl vor allem an manche Philosophieprofessoren, die, was er heftig anprangerte, nicht für, sondern von der Philosophie leben würden. **

Was von „solchen Schreibern“ mitgeteilt werde –  so meinte Schopenhauer –  sei gekennzeichnet durch einen „geschrobenen, vagen, zweideutigen, ja vieldeutigen“ Stil und darüber hinaus durch „unnützen Wortschwall“, durch „des Versteckens der bittersten Gedankenarmuth unter ein unermüdliches, klappermühlenhaften, betäubendes Gesaalbader, daran man stundenlang lesen kann, ohne irgend eines deutlich ausgeprägten und bestimmten Gedankens habhaft zu werden“.*

Obige Kritik äußerte Arthur Schopenhauer in dem oft zitierten  Kapitel Ueber Schriftstellerei und Stil.  Selbst wenn man seine Kritik, die er besonders scharf gegen die zu seiner Zeit in Deutschland vorherrschende akademische Philosophie richtete, zwar für grundsätzlich berechtigt, aber vielleicht doch für etwas überzogen hält, so gilt auch heute noch, was Schopenhauer 1832 in eines seiner Manuskriptbücher schrieb:

Wer Gedanken mitzutheilen hat,
wird sich  alle Mühe geben, sich deutlich zu machen,
und sogar sich nach der Unfähigkeit der Andern zu bequemen suchen.

Wer aber keine Gedanken mitzutheilen hat,
und doch gern den Schein hervorbringen möchte,
wird oft das Mittel ergreifen, sinnlosen Wischiwaschi aufzutischen,
und der Unfähigkeit des Andern die Schuld zu geben,
daß kein Sinn darin gefunden wird.

Arthur Schopenhauer : Wer Gedanken mizuteilen hat ...

Ausschnitte aus: Arthur Schopenhauer, Cholerabuch (1832), S. 144 f.,
Handschriftlicher Nachlass (Univ.-Bibl. Frankfurt a. M. / Stand: 01.05.2020)

H.B.

S. hierzu auch
> Arthur Schopenhauer : Die deutsche Sprache – ein leicht zu verderbendes Kunstwerk .

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

* Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977
(Zürcher Ausgabe), Band X: Parega und Paralipomena II/2,
Kap. 22: Ueber Schriftstellerei und Stil, S. 566 f.

** Vgl. auch Arthur Schopenhauer . a. a. O.,
Band VII: Parerga und Paralipomena I/1,
Ueber die Universitätsphilosopie , S. 155 ff.

 

 

Lebensweisheit : Wahrer Charakter

Woran zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen?
Antwort auf diese durchaus bedeutsame Frage gab Arthur Schopenhauer in der Parerga, und zwar im Zusammenhang mit seinen sehr aufschlussreichen Erklärungen zur Ethik.* Sie enthalten viel tiefe Lebensweisheit und ergänzen damit nicht nur seine Preisschrift über die Grundlage der Moral, sondern auch seine berühmten Aphorismen zur Lebensweisheit.

Den Charakter einer Person zutreffend zu beurteilen, ist ein schwieriges Problem, das sich im täglichen Leben immer wieder stellt und mitunter die Zukunft eines Menschen nachhaltig beeinflussen kann:  Wer zum Beispiel eine Lebenspartnerschaft eingehen möchte, für den kann es von größter Bedeutung sein, den wahren Charakter seines künftigen Lebenspartners rechtzeitig zu erkennen. Anderenfalls könnten bittere Enttäuschungen, viel Leid und Kummer die Folge sein.

Jedoch auch im übrigen Alltag ist es sehr wichtig, sich nicht über den Charakter eines Menschen zu täuschen. Nicht selten versuchen Menschen, sich um irgendwelcher Vorteile wegen als das auszugeben, was sie in Wahrheit nicht sind und dabei ihren Charakter in einem möglichst guten Licht erscheinen zu lassen. Um zu erfahren, welcher Charakter sich hinter der Maske, die viele Menschen vor sich tragen, verbirgt, ist es hilfreich, ja notwendig auch auf Kleinigkeiten zu achten. Schopenhauer erweist sich auch bei diesem Thema als Philosoph, dessen Lebensweisheit jeden von uns betrifft:

„Wie ein Botaniker an Einem Blatte die ganze Pflanze erkennt; wie Cuvier aus Einem Knochen das ganze Thier konstruirte; so kann man aus Einer charakteristischen Handlung eines Menschen eine richtige Kenntniß seines Charakters erlangen, also ihn gewissermaaßen daraus konstruiren; sogar auch wenn diese Handlung eine Kleinigkeit betrifft; ja, dann oft am besten: denn bei wichtigeren Dingen nehmen die Leute sich in Acht; bei Kleinigkeiten folgen sie, ohne vieles Bedenken, ihrer Natur. […]

Zeigt Einer in solchen [Kleinigkeiten] durch sein absolut rücksichtsloses, egoistisches Benehmen, daß die Gerechtigkeit der Gesinnung seinem Herzen fremd ist; so soll man ihm, ohne gehörige Sicherheit, keinen Groschen anvertrauen. […]

Wer die kleinen Charakterzüge unbeachtet läßt, hat es sich selber zuzuschreiben, wenn er nachmals aus den großen den betreffenden Charakter, zu seinem Schaden, kennen lernt. –

Nach dem selben Princip soll man auch mit sogenannten guten Freunden, selbst über Kleinigkeiten, wenn sie einen boshaften, oder schlechten, oder gemeinen Charakter verrathen, sogleich brechen, um dadurch ihren großen schlechten Streichen vorzubeugen, die nur auf Gelegenheit warten, sich einzustellen.“**

Obwohl es mitunter nicht einfach ist, den Charakter eines Menschen zu beurteilen, gibt es dazu, wie Schopenhauer zu Recht meinte, ein zuverlässiges und sehr deutliches Kennzeichen, und zwar beim Umgang mit Tieren: Mitleid mit Tieren hängt mit der Güte des Charakters so genau zusammen, daß man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Tiere grausam ist, könne kein guter Mensch sein. ***

Was Schopenhauer hier als Lebensweisheit beschrieben hat, bezog er auf Menschen mit negativen Charaktereigenschaften. Andererseits gibt es nicht wenige Menschen, bei denen die positiven Charakterzüge überwiegen. Leider können sie nicht immer von vornherein deutlich erkannt werden, weil sie oft mit großer Bescheidenheit verbunden sind. Solche gutherzigen und zugleich bescheidenen Menschen neigen nicht dazu, ihr gutes Handeln in den Vordergrund zu stellen, etwa nach dem Motto Tu´ Gutes und sprich darüber!

So gilt es auch hierbei auf Kleinigkeiten zu achten. Der wahre Charakter zeigt sich zwar vor allem in der Not, aber auch bei vielen kleinen Gelegenheiten des Alltags kann sich  offenbaren, was Arthur Schopenhauer als Grundlage der Ethik besonders hoch gepriesen hat und das den Charakter eines Menschen in höchstem Grade auszeichnet: Die Güte des Herzens, jenes tief gefühlte Mitleid, mit Allem, was Leben hat.****

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen
*  Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977
(Zürcher Ausgabe), Band IX: Parerga und Paralipomena II,
Kap. 8. Zur Ethik, S. 219 ff.
**  Ebd., § 128, S. 250 f.
***  Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band VI: Die beiden Grundprobleme der Ethik, Teil 2: Preisschrift über die Grundlage der Moral, § 19, S. 281.
**** Ebd., § 20. Vom ethischen Unterschiede der Charaktere, S. 294.

 

 

 

 

 

Mensch und Umwelt in Schopenhauers Philosophie

Arthur Schopenhauer hat wie kaum ein anderer weltberühmter Philosoph in seiner Philosophie die Einheit allen Lebens hervorgehoben und metaphysisch tief begründet. Alles Lebendige, ja alles, was wir wahrnehmen, sind Erscheinungsformen von etwas Metaphysischem: Die Theisten nennen es Gott, in den von Schopenhauer hoch geschätzten altindischen Upanishaden heißt es Brahman, Schopenhauer nannte es Wille.

Im Hinduismus wird die Einheit allen Lebens in drei Sanskritworten zusammengefasst: Tat Twam Asi, das heißt wörtlich übersetzt, Das bist Du! Obwohl sich alle Lebewesen mehr oder weniger äußerlich unterscheiden, sind sie in ihrem innersten Wesen gleich und werden – soweit der Hinduismus theistisch ist, als göttlich aufgefasst. Schopenhauer hat sich in seinen Werken mehrmals auf diese Sanskritworte bezogen und sie als eine Kernaussage seiner Philosophie hervorgehoben. Wir alle, ob Mensch, Tier oder Pflanze, sind  Manifestationen eines metaphysischen Willens und somit – auch wenn uns das nicht immer bewusst ist  – wesensgleich.

Aus der Erkenntnis der Wesensgleichheit von Mensch und übriger Natur ergibt sich ein anderes Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt. Es ist kein göttlich legitimiertes Herrschaftsverhältnis, das die Menschen von vornherein berechtigt, die Natur zu beherrschen und sich untertan zu machen.

Schädigt der Mensch die Natur, in der er lebt und deren Teil er ist, so schädigt er sich letztlich selbst – eine Erkenntnis, die mehr und mehr Menschen bewusst wird.  Mensch und Umwelt sind eine Einheit. Arthur Schopenhauer hat hierfür im Rahmen seiner Willensmetaphysik eine spirituell sehr tiefe und – wie ich meine – auch überzeugende Begründung gegeben.

Ein den Menschen – nicht nur metaphysisch – besonders verbundener Teil der Natur sind die Tiere. Schopenhauer hob das vor allem in seiner Ethik hervor. So bezog er in seine Mitleidsethik die Tiere ausdrücklich mit ein. Durch das Mitleid werden die sonst im Alltag empfundenen Grenzen zwischen den Menschen, aber auch, wenngleich seltener, zwischen Mensch und Tier mehr und mehr aufgehoben.  Am Ende werden diese Grenzen nicht mehr bewusst wahrgenommen, so dass durch das Mitleid die von Schopenhauer metaphysisch begründete Einheit allen Lebens auch im Alltag in Erscheinung tritt. So steht Schopenhauers Mitleidsethik ganz im Einklang mit einem allumfassenden Schutz der Natur, was zugleich eine möglichst weitgehende Schonung der Umwelt bedeutet. In diesem Sinne  enthält Schopenhauers Philosophie, auch wenn er diesen Namen nicht verwendet hat, eine metaphysisch begründete Umweltethik.

Selbst wenn nicht alle Umweltschäden durch menschliches Handeln verursacht werden, so sind doch viele Umweltkatastrophen zumindest mittelbar Folgen einer skrupellosen Ausbeutung der Natur, die in unserer Zeit durch eine lediglich an Profitmaximierung ausgerichtete Wirtschaft immer noch gesteigert wird. Somit ist die von Schopenhauer angeprangerte unersättliche Gier des Menschen einer der wesentlichen Ursachen für die Zerstörung des Lebensraumes von Mensch, Tier und Pflanze.

Riesige Weltbrände, wie etwa kürzlich in Australien mit weit mehr als einer Milliarde verbrannter Tiere, sind traurige Beipiele dafür, wie sehr unsere Zeit, und zwar mit zunehmender Tendenz, bestimmt wird durch gewaltige Umweltkatastrophen. Gerade im Hinblick auf die immer katastrophaler werdende Umweltzerstörung ist Schopenhauers Philosophie von größter Aktualität.

Was einen Menschen zum Philosophen  macht, schrieb der 26-jährige Schopenhauer in eines seiner Manuskripte, sei „der Mut, keine Frage auf dem Herzen zu behalten“. (1) Dementsprechend nahm er schon vor bald 200  Jahren zu einer Frage Stellung, die, wie es scheint, heute  fast als Tabu gilt, nämlich Frage nach den Folgen der geradezu explosionsartigen Zunahme der Weltbevölkerung. Die „Übervölkerung des ganzen Planeten“ sei ein Resultat, „dessen entsetzliche Übel sich jetzt nur eine kühne Einbildungskraft zu vergegenwärtigen vermag“. (2) Die Folgen der immer weiter steigenden Übervölkerung des Erdballs für die Umwelt sind überaus beängstigend und lassen kaum Hoffnung auf nachhaltige Fortschritte im Umweltschutz.

Die weltweite Zerstörung der Umwelt, wie zum Beispiel die hemmungslose Vernichtung der für die ganze Menschheit  lebenswichtigen Urwälder am Amazonas,  zeigt leider sehr deutlich, wie Recht der Philosoph Max Horkheimer in seiner Rede zum 100. Todestag Arthur Schopenhauers hatte, wenn er meinte: „Das Denken Schopenhauer ist unendlich aktuell.“(3)

Gegen Schluss seiner Ansprache meinte Horkheimer, dass Schopenhauers Philosophie zwar angesichts der Realitäten illusionslos sei, aber dennoch nicht in Hoffnungslosigkeit endet: „Es gibt wenige Gedanken, deren die Zeit mehr bedürfte und die bei aller Hoffnungslosigkeit, wie er sie ausspricht, mehr von Hoffnung wissen als die seinen.“ (4) Worauf diese Hoffnung des vermeintlichen „Pessimisten“ Arthur Schopenhauer gegründet ist, habe ich  in meinem Beitrag Leid und Erlösung etwas näher erläutert.

H.B.

S. auch > Tierethik und Schopenhauers Philosophie

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen

(1) Arthur Schopenhauer : Der handschriftliche Nachlaß in fünf Bänden, hrsg. v. Arthur Hübscher, München 1985, Band 1, Frühe Manuskripte (1804-1818), S. 126,

(2) Arthur Schopenhauer : Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band II, Die Welt als Wille und Vorstellung I, S. 436.

(3)  Max Horkheimer : Die Aktualität Schopenhauers , Vortrag, gehalten zum 100. Todestag Schopenhauers am 21. September 1960 in der Paulskirche zu Frankfurt a. M., zit. aus: Über Arthur Schopenhauer , hrsg. v. Gerd Haffmans, 3. Aufl., Zürich 1981, S. 159.

(4) Ebd.,  S. 164.

 

 

Schopenhauer – Vedanta – Buddhismus

Zu den ersten bedeutenden Abhandlungen über das Verhältnis der Philosophie  Arthur Schopenhauers zu den in Indien entstandenen Lehren, und zwar besonders zum Vedanta des Hinduismus und zum Buddhismus, gehörte das Buch, das  Max  Hecker 1897 unter dem Titel Schopenhauer und die indische Philosophie veröffentlichte.

Hecker kam dort zu dem Ergebnis, dass sich in seiner Untersuchung – abgesehen von kleinen Details – die “durchgängige Congruenz [Übereinstimmung] der Philosophie Schopenhauers und der Inder als eine wahrhaft überraschende herausgestellt” habe, “und zwar, ist die Schopenhauer’sche Philosophie durchweg eine Synthesis [Zusammenfügung] von Brahmanismus [aus dem der Hinduismus entstand], in Gestalt des Vedanta, und Buddhismus, deren Lehren in seinem Systeme zu höherer Einheit verbunden worden sind.

Wie Platon die Heraclit’sche Grundanschauung mit der des Parmenides in seiner Ideeenlehre verschmolzen hat, so Schopenhauer den brahmanischen und buddhistischen Idealismus. In der Lehre vom Willen als Ding-an-sich fliessen ebenfalls Vorstellungen des Brahmanismus und des Buddhismus zusammen, desgleichen in der Lehre von der Erlösung. Und wenn Schopenhauer im Jahre 1813 schrieb: ´Unter meinen Händen und vielmehr in meinem Geiste erwächst ein Werk, eine Philosophie, die Ethik und Metaphysik in Einem sein soll` -, so sehen wir jetzt, dass diese Metaphysik wesentlich brahmanisches [und somit hinduistisches], die Ethik buddhistisches Gepräge aufweist. Seine Metaphysik ist die pantheistische Identitätslehre des Vedanta, seine Ethik die ´Vernichtung des Durstes`, die Buddha lehrt.

´Ich ordne an, ihr Jünger`, sagt Buddha, ´dass ein Jeder in seiner eigenen Sprache das Wort Buddhas lerne` (1) – das Abendland kann sie [die Lehre des Vedanta und die des Buddhismus ] in der Sprache Arthur Schopenhauers lernen.”(2)

Johannes Volkelt meinte in seinem in mehreren Auflagen erschienenen Werk über  Schopenhauer, dass Hecker in seinem “gründlichen” Buch “den Zusammenhängen Schopenhauers mit der indischen Philosophie … in ausführlicher und verdienstvoller Weise nachgegangen” sei, er habe aber dabei “nicht selten die Ähnlichkeiten übertrieben und die Abweichungen allzu sehr zurücktreten lassen”.(3)

Auf Schopenhauers Verhältnis zu den Lehren des Vedanta und des Buddhismus ging auch Helmuth von Glasenapp in Das Indienbild deutscher Denker näher ein, wobei er deutlicher als Hecker die Unterschiede hervorhob. Aber trotz dieser vom Standpunkt der späteren indologischen Forschung betonten Differenzen erkannte von Glasenapp an, dass “Schopenhauer wie kein anderer sich die größten Verdienste um die Verbreitung der Kenntnis indischer Weisheit im Abendland erworben” habe. “Niemand hat mit so edler Begeisterung wie er [Schopenhauer] immer wieder auf die geistigen Schätze des Gangeslandes hingewiesen, niemand hat ihnen durch seine Schriften so viele Freunde im Westen erworben wie er”. (4)

Zum 140. Geburtstage Schopenhauers veröffentlichte die Schopenhauer-Gesellschaft ihr fünfzehntes Jahrbuch, “dessen Philosophischer Teil” wie es im Vorwort heißt, “von einem einzigen Gedanken beherrscht wird: Europa und Indien”. Diesen Teil eröffnete Franz Mockrauer, Vorstandsmitglied der Gesellschaft, mit seinem Beitrag Schopenhauer und Indien. Gleich im ersten Absatz hob der Verfasser hervor: “Es ist keine Übertreibung, wenn man behauptet, daß die Lehre der Upanishads, des Vedanta und des Buddhismus ein Hauptbestandteil seiner [Schopenhauers] eignen Metaphysik geworden sind und an ihrer Gesamtgestaltung mitgewirkt haben.”(5)

Somit ist es durchaus verständlich, wenn Schopenhauerianer bei der Begegnung mit dem Vedanta oder dem Buddhismus den Eindruck haben, nicht wirklich fremden, sondern vertrauten Boden zu betreten. In diesem Sinne kann Arthur Schopenhauers Philosophie mit ihrer auch die Tiere einbeziehenden Mitleidsethik eine Brücke sein zu den altindischen Lehren, insbesondere zur Metaphysik des Vedanta und der allumfassenden Ethik des Buddhismus.

H.B.

S. auch
> Aranyakas – Upanishaden – Vedanta
> Schopenhauer und Buddhismus
> Schopenhauer : Metaphysik – jenseits der Physik

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen
(1) Hermann Oldenberg, Buddha, hrsg. von Helmuth von Glasenapp,
Stuttgart o. J. , S. 188.
(2) Max F. Hecker , Schopenhauer und die indische Philosophie, Köln 1897, S. 253 f.
(3) Johanners Volkelt, Arthur Schopenhauer , 3. Auflage, Stuttgart 1907,
S. 197 und 438 (Anm. 292).
(4) Helmuth von Glasenapp, Das Indienbild deutscher Denker, Stuttgart 1960, S. 99.
(5) 15. Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft für das Jahr 1928, Heidelberg 1928, S. 3

Die Meeresstille des Gemüts

Es ist nicht allein der Inhalt seiner genialen Philosophie, sondern auch seine hohe Sprachkunst, durch die Arthur Schopenhauer zu einem der am meisten zitierten Philosophen wurde. Seine literarische Qualität zeigt sich besonders eindrucksvoll auch in folgendem Zitat, bei dem es um ein zentrales Thema seiner Philosophie geht, nämlich um den Willen zum Leben und in diesem Zusammenhang auch um das, was sich wohl alle Menschen in ihrem Leben, wenngleich oft vergeblich, wünschen – Ruhe und Frieden, jenes Glücks, welches Schopenhauer die gänzliche Meeresstille des Gemüts nannte:

„… Das, was sich gegen dieses Zerfließen ins Nichts sträubt, unsere Natur ist ja eben nur der Wille zum Leben, der wir selbst sind, wie er unsere Welt ist. Daß wir so sehr das Nichts verabscheuen, ist nichts weiter, als ein anderer Ausdruck davon, daß wir so sehr das Leben wollen, und nichts sind, als dieser Wille, und nichts kennen, als eben ihn. –

Wenden wir aber den Blick von unserer eigenen Dürftigkeit und Befangenheit auf diejenigen, welche die Welt überwanden, in denen der Wille, zur vollen Selbsterkenntniß gelangt, sich in Allem wiederfand und dann sich selbst frei verneinte, und welche dann nur noch seine letzte Spur, mit dem Leibe, den sie belebt, verschwinden zu sehen abwarten; so zeigt sich uns, statt des rastlosen Dranges und Treibens, statt des steten Ueberganges von Wunsch zu Furcht und von Freude zu Leid, statt der nie befriedigten und nie ersterbenden Hoffnung, daraus der Lebenstraum des wollenden Menschen besteht, jener Friede, der höher ist als alle Vernunft, jene gänzliche Meeresstille des Gemüts, jene tiefe Ruhe, unerschütterliche Zuversicht und Heiterkeit, deren bloßer Abglanz im Antlitz, wie ihn Rafael und Correggio dargestellt haben, ein ganzes und sicheres Evangelium ist …“*

Gerade in einer Zeit voll Hektik und Unfrieden ist jener „Friede , der höher ist als alle Vernunft“, ein dringendes Bedürfnis der Menschen. Leider ist ihnen dieser Frieden, diese „tiefe Ruhe“, wie Arthur Schopenhauer sehr treffend bemerkte, nur „selten vergönnt“. Wer aber das seltene Glück hat, in seinem Leben jene gänzliche Meeresstille des Gemüts zu erfahren, wird vielleicht verstehen, weshalb der erste Band von Schopenhauers  Hauptwerk mit der Bejahung und Verneinung des Willens endet** und warum hierin ein zutiefst spiritueller Erlösungsgedanke zum Ausdruck kommt, wie er sonst wohl nur in  den  Schriften östlicher und westlicher Mystiker zu finden ist.

H.B.

S. auch: Arthur Schopenhauer über >  Mystik  und > Erlösung .

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen
*  Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band II: Die Welt als Wille und Vorstellung I, S. 507.
** Schopenhauer , a. a. O., S. 508.

 

Ein großer Schmerz verdrängt alle kleineren …

Nicht nur Arthur Schopenhauers berühmte Aphorismen zur Lebensweisheit enthalten vieles Wertvolle, was bei der Bewältigung des Alltages hilfreich sein kann. Auch in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung finden sich nicht wenige Weisheiten, die immer wieder durch das Leben bestätigt werden.  Das gilt zum Beispiel für die täglichen Erfahrungen von Schmerz und Leid, die mit dem Leben unvermeidbar verbunden sind, dabei jedoch mitunter weniger tragisch sind als sie im Augenblick erscheinen.

Wohl jeder ist schon Menschen begegnet, die selbst bei kleineren, fast harmlosen Erkrankungen voller Klage und Jammer sind – ganz abgesehen von hypochondrisch veranlagten Menschen, die sich Krankheiten nur einbilden.  Wie werden sie wohl reagieren, wenn sie wirklich schwer erkranken und dabei kaum erträgliche Schmerzen erleiden müssen? In diesem Zusammenhang denke ich an eine Lebensweisheit aus Schopenhauers Hauptwerk:

Große Leiden machen alle kleineren unfühlbar, und umgekehrt, bei Abwesenheit großer Leiden, quälen uns die kleinsten Unannehmlichkeiten … Ein großer Schmerz verdrängt alle kleineren …*

Insofern kann Leid – wie etwa durch  schwere Erkrankungen, die überstanden wurden – helfen, manches Unangenehme und viele Störungen im Leben nunmehr als das zu erkennen, was sie in Wahrheit sind: kleine Unannehmlichkeiten.

Übrigens, auch das war für Schopenhauer eine Lebenserfahrung:

Jeder Mensch, der ein großes Leid mit Geduld und ohne Murren erträgt, flößt uns Achtung ein.  Besonders ehrwürdig erscheint der Leidende, wenn er sein eigenes Unglück nur als einen Fall des allem Lebenden wesentlichen Leides auffaßt.*

Gerade der hier von Schopenhauer zuletzt genannte Fall setzt voraus, dass man nicht nur sein eigenes Leid, sondern auch das anderer Wesen wahrnimmt, mit ihnen mitfühlt und schließlich mitleidet. Das ist keine bloß theoretische Lebensweisheit, denn jeder kann es im Alltag erfahren: Mitleid verbindet und überschreitet die ansonsten strikte Grenze zwischen dem Ich und dem Du, ja nicht selten sogar auch zwischen Mensch und Tier – eine tiefgreifende Erkenntnis, die für Arthur Schopenhauer zur Grundlage seiner auch die Tiere einbeziehenden Mitleidsethik wurde.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier.

* Zit. nach: Schopenhauer – Register von Gustav Friedrich Wagner, neu hrsg. von Arthur Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt 1960, S. 244.